Was Yom Kippur und Zähne gemeinsam haben


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Gedanke zum heutigen Abend. – Gedanke zu Yom Kippur…

Nicht nur ein Gedanke, sondern auch für mich selbst eine Anregung zum Weiterdenken.

Es sind mir gestern Zähne gezogen worden. Weisheitszähne. Die lagen bei mir tief im Kiefer und bedurften eines operativen Eingriffs. Keine schlimme, aber auch keine schöne Angelegenheit. Weiß G-tt nichts Gefährliches, nichts Neuartiges, nichts Aufsehenerregendes.

Ein Außenstehender würde sagen, mir ginge es gut. Es kommt auch eigentlich so rüber. Keine Körperfunktion ist dadurch beeinträchtigt. Es geht mir also offiziell gut.

Mein Körper und ich, wir sind da etwas anderer Meinung.

Zunächst einmal – Es tut weh, es drückt, schmerzt, zieht, pocht, schwillt an, blutet. Es ärgert ungemein. Es stört beim Sprechen, Kauen, Schlucken, Lachen, sogar beim Gehen. Kopf und Augen schmerzen ebenso.

Der Körper funktioniert, das stimmt. Aber in diesem Moment, solange die Wunde nicht verheilt ist, bin ich selbst noch “ganz Mund”. Was interessiert mich mein gesundes Bein, wenn mein Kiefer explodiert? Was kümmert mich mein gutes Gehör, wenn meine Backe schwillt? Ich kann noch so sehr über mein tolles Immunsystem nachdenken, aber eigentlich will ich nur kühlen, Tabletten schlucken und schaudere immer noch beim Gedanken an meine Wunden im Mund.

Es ist ist nur ein kleiner Teil von hunderten von Einzelteilen, aus denen ich bestehe, der hier angegriffen ist.

Und trotzdem – ich bin mir dessen mehr als bewusst.

Was sollte es mir, uns allen vor dem jüdischen Yom Kippur, dem Tag der Versöhnung und des Neuanfangs, sagen?

Yom Kippur ist ein Tag des Bewusstseins. Wir sollen Rechenschaft ablegen über das, was wir sind, wo wir stehen, wohin wir gegangen sind und wohin wir eigentlich kommen möchten.

So wie unser Körper aus vielen Organen besteht, so besteht unser Leben aus vielen Entscheidungen und Taten. Aus kleineren und aus größeren. Und jede dieser Taten bringt uns irgendwohin weiter.

So wie ich mir, wie jetzt so akut, meiner kleinsten Stellen im Körper bewusst bin; so wie ein Schmerz an nur einem von vielen gesunden Orten mich erfüllt und mir keine Ruhe lässt – so sollten uns an diesem und an allen weiteren Tagen unsere kleinsten Vergehen und Taten bewusst werden. Dass wir uns im Klaren sind, wieviel ein einzelner Schritt, ein einzelner Satz Gewicht haben kann. Wir sollen uns dessen so bewusst werden, dass eine jede unserer Nachlässigkeiten uns schmerzt und  ärgert! – Es wird uns von der Tat, was auch immer es war, reinigen und wir werden uns für die Zukunft merken, dieses Vergehen zu unterlassen. Wir werden es mit dem ganzen Herzen wollen.

Und das wird dann Tshuva heißen, Rückkehr, das Ziel von Jom Kippur.

—–

Und noch ein weiterer Gedanken, verbunden mit der Idee von der Liebe des Volkes Israel (אהבת ישראל):

So wie ein einzelnes Körperteil uns als ganzem Menschen manchmal schmerzt und bewusster wird als alle anderen Organe zusammen, so sollte es für uns mit den einzelnen Juden des Volkes Israel sein. Davon, dass mein Zahn gezogen wurde, werde ich (hoffentlich) nicht ernstlich krank werden; davon, dass meine Klassenkameraden nicht wissen, dass sie jüdisch sind, wird mir persönlich nichts passieren. Davon, dass in Israel wieder zwei Juden im Auto erschossen wurden, spüre ich sicherlich nichts auf meiner Haut.

Womit man aber einen Unterschied machen kann, ist, wenn das alles einem bewusst ist – und nicht gleichgültig.

Wenn all das, was einem einzelnen Juden als Juden zustößt, auch mich ins Herz trifft. Wenn mir die einsame jüdische Oma im Haus nebenan oder die leeren Plätze in der Synagoge am Feiertag genauso Kopfschmerzen bereiten wie die schmerzliche Abwesenheit meines Zahns.

Denn wir sind alle ein Körper. Eine Einheit. Und alle ein Teil eines Ganzen – Am Israel.

Das sollte uns immer vor Augen sein.

In diesem Sinne,

ein besinnliches Fasten und ein besinnliches Leben danach.

“Auch das ist zum Guten.”

גם זו לטובה

(Rabbi Akiva)

 

Isralike

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