Der gute Wille und Kant

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Ein interessanter (sogar für mich noch) Einblick in eine Weltanschauung oder “Wie vereint man jüdische Ansichten mit Kants Philosophie”, wo doch die westlichen Philosophen gegen jede religiöse Selbstverständlichkeit rebelliert haben. Zumindest öfters.

Der folgende Text beruft sich auf den Auszug aus Immanuel kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”, abrufbar hier, S.393, Z.5-S.394, Z.26 .

Die Fragen:

1) “Verdeutlichen Sie sich die Unterscheidung von “Talenten des Geistes”, “Eigenschaften des Temperaments” und “Glücksgaben” und erläutern Sie, warum für Kant keine von diesen, sondern nur der gute Wille ohne Einschränkung gut ist.”

Antwort:

Das Gemeinsame, das nach Kant die “Talente des Geistes, d.h. geistige Fähigkeiten, “Eigenschaften d. Temperaments” oder Charaktereigenschaften und “Glücksgaben”, d.h. (positive) Zustände, in denen sich der Mensch befindet, ausmacht ist:

All diese Attribute sind etwas Passives, sie sind als Anlagen oder als Besitz des Menschen, jedenfalls schon in bzw. bei ihm vorhanden – sei es Verstand, Mut oder Gesundheit. Zwar sind sie verschiedener Beschaffenheit; doch liegen sie als solche vor und warten sozusagen darauf, ins Aktuelle befördert zu werden*. Das Risiko dabei ist offensichtlich: Liegt etwas zur Hand, kommt es darauf an, wie es eingesetzt wird und von wem. Daher tragen all die genannten Attribute das Potenzial in sich, zu etwas Positivem oder Negativem für den Menschen selbst oder für die Umgebung zu werden. Sie sind wie Geräte, mit denen man aufbauen, aber auch zerstören kann.** Sie sind neutral, dazu da, eine Bestimmung zu bekommen.***

Dabei ist jedoch “der gute Wille”, wie bei kant aufgefasst, schon an sich, eigenständig und per Definition “gut”. Im Unterschied zu den obigen, zu beginn passiven Attributen ist der gute Wille Aktiv und muss erst entwickelt werden, sobald eine Situation vorliegt, die seiner bedarf.

(Hierbei muss betont werden, dass von kant der gute Wille als innerer Prozess separat von den Taten, die auf ihn folgen, betrachtet wird.)


Verweise:


* Gedanken von Aristoteles, ausformuliert und von mir übernommen aus Maimonides’ “Führer der Unschlüssigen” (More nevukhim): Attribute, die im möglichen Bereich liegen, jedoch nicht als solche aktuell, d.h. in der Realität aktiv vorhanden sind, sondern erst ausgeführt werden müssen, um vom Potenziellen ins Tatsächliche zu gelangen.

* * Siehe Qohelet (Ecclesiastes/Prediger), Kapitel 2: “Es gibt eine Zeit zu leben und zu sterben, (…) zum Aufbauen und zum Zerstören”

* * * Wieder einmal Maimonides’s Gedankenspur aus “Führer der Unschlüssigen” (Mögliches ins Wirkliche); ebenso auch im 1.Buch Mose: “Der Mensch gab jedem Ding einen Namen” (ungenau zitiert. Damit können Tiere/Pflanzen, aber auch andere Dinge und Werte gemeint sein, da die Sprache bzw. das Tun dem Menschen angerechnet wird.)


2) Es wurde Kant oft vorgeworfen, es komme ihm nur auf die edle Gesinnung, nicht auf die Tat selbst an. Untersuchen Sie, ob dieser Vorwurf auf der Grundlage des behandelten Auszugs  Kants zum guten Willen berechtigt wird.

Antwort:

Kant stellt mit seiner Theorie des guten Willens ein ganzes Sinnbild auf, um diesen Wert zu beschreiben. Er nennt ihn “Wert” und nimmt ihn, fast schon destilliert von seinen Ursachen und Folgen,  und beurteilt ihn nach seinem reinen Zustand (jedoch nicht als bloßer Wunsch, S.394). Kant setzt klar die Bedingungen für seine Analyse: Der Wille und sein Wert werden getrennt von ihrer tatsächlichen Nützlichkeit und den Folgen betrachtet (S.393,394). Der Wert wird nicht mit der Tat verglichen mit dem Fazit, dass eines dem anderen vorzuziehen wäre. Kant setzt seinen Wert zwar höher als den Wert der Tat, die durch den Willen zustandegekommen wäre (ibid.), in der Endbeurteilung steht der Wille jedoch nicht über der Tat und erklärt diese nicht für nichtig.  Das ist meiner Erkenntnis zufolge nicht Kants Intention.

Meiner Meinung nach möchte Kant damit eher sagen, dass der gute Wille für sich ein höheres Potenzial an „Gutem“, vergleichbar mit der Idee des Ladungspotenzials eines Ions, aufbringt denn eine Tat. Weshalb? Der Wille kann als absolut gut betrachtet werden, während eine Tat vom Blickwinkel des Betrachters, vom Situationskontext abhängt. Der Vorwurf an Kant, ihm käme es nur auf den Willen an, ist damit nicht berechtigt.

Es muss allerdings noch untersucht werden, ob und wie sich (nach Kant) der gute Wille definieren ließe, nach welchen Kriterien er als gut gesehen wird und ob sein Wert nicht auch situationsabhängig ist wie der Wert der passiven Attribute des Menschen (s.1).

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isralike

Nachtrag: Ist der Vergleich mit dem Ladungspotenzial ein anknüpfbares Modell? Ich beziehe mich dabei auf die einzelnen Ionen im chemischen Periodensystem, d.h. Atome, dienach Notwendigkeit  ihre äußeren Elektronen ergänzt bzw.abgegeben haben und dadurch ein bestimmtes Ladungspotenzial erhalten. Chemie kann spannend sein.

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